Tourismus und Hotellerie im Kreuzfeuer

Tourismus und Hotellerie im Kreuzfeuer

Alle unter Druck: Seid smart und organisiert Euch! Erste Inhalte vom HITT

HITT 2023 flag
Die Branche ist Verursacher des Klimaschadens und kann auch Retter sein – auf dem HITT-Schiff suchten alle den Schulterschluss. / © HI William Veder

Eines ist gewiss: Weltweit werden sich die Regulierungen zum Thema ESG weiter verschärfen. Unternehmen, die darauf nicht vorbereitet sind, haben keine Überlebenschance. Es gibt für Investoren wie Betreiber bereits Lösungsansätze, aber ohne KI geht bei den komplexen Themen gar nichts mehr. Andere Knoten wie das Wirrwarr der grünen Zertifikate wird die Legislative sicherlich zerschlagen (müssen). Der Wille zur Veränderung ist stark – und im Kreis der HITT Community war das Prickeln förmlich greifbar. Am Ende dieses 6. Hospitality Inside Think Tank diese Woche in Berlin war der Wille nach Selbstverpflichtung in der Hotellerie. Eine erste Zusammenfassung.

Der Tourismus spiele eine wichtige Rolle für die Welt, er erwirtschaftet 10% des globalen Bruttosozialprodukts, stellt einen von zehn Jobs weltweit und unterstützt indirekt über eine Milliarde Existenzen. Sophie Herrmann, Partnerin des Unternehmens Systemiq, sieht eine hohe Dringlichkeit darin, dass sich die Branche bewege. "Wir erreichen beim Klima einen Wendepunkt," warnte die Expertin für Transformation, die Unternehmen aus allen Industrien betreut und deren Ziel es ist, alle an einen Tisch zu bringen, um den Übergang zu einer klimaneutralen, naturfreundlichen und integrativen Wirtschaft zu beschleunigen.


Auf der anderen Seite steht der Tourismus aber auch für 9-12,5% der globalen Emissionen, so Sophie Herrmann in ihrer Keynote beim HITT. Das grosse Schwergewicht dabei sei der Transport, aber auch die Gebäude und ihr Energieverbrauch sowie die Verpflegung erhöhten die CO2-Emissionen, die zwischen 2019 und 2023 weltweit um 20% gestiegen seien. Bis Ende dieses Jahrzehnts wird ein weiteres Wachstum um 20% erwartet. "Dabei steht das Gastgewerbe im Kreuzfeuer", so die Expertin. Es sei in das sogenannte T&T-System eingebettet, (Tourismus + Travel Agencies), zu dem auch Unternehmen wie OTAs oder Organisationen im Bereich Destination Management oder Tourist-Informationen zählten. "Zudem ist die Branche mit grösseren Systemen verbunden, die hinter ihr stehen.


HITT 2023 speaker Sophie Herrmann

Der Tourismus steht für 9 bis 12,5% der globalen Emissionen, betont Sophie Herrmann. HI William Veder

HITT 2023 speaker Sophie Herrmann

Die Branche weiss nicht, wie wichtig sie ist

Die Branche ist damit sowohl Verursacher des Klimaschadens wie sie auch ein Retter des Klimas sein kann. Herrmann hatte den Eindruck, dass sich weite Teile der Hospitality Industry ihrer Bedeutung beim Thema Nachhaltigkeit noch nicht bewusst sind. Andere, wie die Nahrungsmittel-Industrie, die Agrarwirtschaft oder auch die Chemie wären hier weiter. Sie nannten einige Ansätze, wie die Branche ihre Bilanz verbessern könnte. Hotels produzierten Energie, die sie einspeisen oder durch die sie zu einem dezentralisierten Energielager werden könnten. E-Ladestationen für Autos, der Aufbau von nachhaltigen, lokalen und resilienten Versorgungsketten oder Modelle wie Urban Gardening seien weitere Möglichkeiten, über die sich Hotels nachhaltiger aufstellen könnten. Sehr wichtig sei auch die Verbindung von Beherbergungsbetrieben und öffentlichen Verkehrsmitteln. So böte beispielsweise der Flughafen Schiphol in Amsterdam seinen Reisenden den Transport zu Hotels mit E-Fahrzeugen an.


Die Hotellerie habe die Chance, Dinge voranzutreiben und dabei von anderen Branchen unterstützt zu werden, so Herrmann. Vor allem aber müsse die Branche ihre eigene Kraft bündeln, um nachhaltigen Lösungen zu skalieren und sie vor allem auch sichtbar zu machen. 2023 würden immerhin weltweit 1,8 Milliarden internationale Ankünfte erwartet, danach ein jährliches Wachstum von 4%. Derartige Dimensionen lenken die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf den Tourismus. Ein weiterer Vorschlag von Herrmann war eine Zusammenarbeit mit Startups, die sich z.B. mit der Reduktion von Lebensmittel-Verschwendung beschäftigten.


HITT 2023 participant Wolfgang M. Neumann

„Alle sagen, wir können nichts tun, weil unsere Branche so kompliziert ist“, so Wolfgang Neumann.HI William Veder

HITT 2023 participant Wolfgang M. Neumann

Druck von neuen Playern

In der anschliessenden Diskussion beschäftigte die HITT-Teilnehmer vor allem die Frage, wer das grösste Interesse an der Transformation der Branche habe und wer sie vorantreiben könnte. "Alle sagen immer, wir können nichts tun, weil unsere Branche so kompliziert ist", klagte etwa Wolfgang Neumann, Chairman der Sustainable Hospitality Alliance, und stiess dabei bei Herrmann auf Granit. "Es gibt komplizierte Branchen, die sich bereits bewegen. Zum Beispiel die Food Industrie. Wir müssen nur smart und organisiert sein," sagte sie.


Der Druck auf die Branche wächst jedenfalls massiv und das von vielen Seiten: zum einen durch die eigenen Mitarbeiter, die sich ihre Arbeitgeber nach ESG-Gesichtspunkten aussuchen. Das Thema ist von der Branche inzwischen erkannt, hat aber – von aussen betrachtet – noch keine strategische Bedeutung in der Chef-Etage erreicht. Die nächste Gruppe, die Druck macht, sind die Kunden und ihre Kaufkraft. Cris Tarrant, Chairman von BVA BDRC, präsentierte beim HITT dazu – als "Weltpremiere" – die ersten Resultate einer globalen Umfrage in der Hospitality-Branche, die erst vergangene Woche fertiggestellt wurde.


Darauf gehen wir in einem eigenen Artikel ein, ebenso wie auf die dritte grosse Gruppe, die beim HITT bewusst den Schulterschluss zur Branche suchte: die Corporate Buyers und OTAs. Siemens und HRS konfrontierten die HITT-Teilnehmer mit ihren eigenen Plänen, wie sie den Nachhaltigkeitsdruck auf die Hotellerie erhöhen werden. Die deutsche Hotellerie dient dabei als eine Art "Experimentierfeld", Siemens aber wird seine eigenen Standards danach bis nach Asien-Pazifik weiter ausrollen. Das Gute an diesem "Droh-Szenario" war: Die Hotellerie kann in diese Diskussion noch einsteigen, was die Sustainable Hotel Alliance wie auch einzelne Unternehmensvertreter mit offenen Armen begrüsste. Der HITT Think Tank freut sich, hier die Kommunikation zwischen den Parteien neu in Gang gesetzt zu haben. Auch darüber später mehr.


Xenia zu Hohenlohe von der Considerate Group brachte einen neuen Player mit ins Spiel, von dem ebenfalls grosser finanzieller Druck ausgehen kann: die Versicherungsbranche. Sie erlebe durch die Klimarisiken hohe Verluste und habe bereits die Immobilien-Eigentümer im Visier, um deren Gebäude-Versicherungen zu erhöhen, wenn die Gebäude nicht gewissen Anforderungen an Nachhaltigkeit entsprächen. Das könnte ein wunder Punkt werden, den die Immobilien-Branche weiter darin bestärken sollte, sich selbst stärkeren Druck auszusetzen, um den Wertverlust ihrer Gebäude zu vermeiden.

Reporting: Der Stahl-Riese und Arabella berichten die gleichen Zahlen

Der HITT aber zeigte nicht nur alte und neue Schwachstellen auf, sondern suchte auch nach Lösungen. Deshalb hatte das Thema Measurement beim Think Tank 2023 ein besonderes Gewicht mit überraschenden Erkenntnissen. Im ersten Teil beschrieb Florian Huber, Mitbegründer und Leader von EYCarbon, in seinem Impulsvortrag den Weg zur 5. industriellen Revolution nach Mechanisierung, Industrialisierung, Automation und Digitalisierung. Die aktuelle Revolution bringe die grösste Transformation von allen mit sich: "Alle vorherigen Perioden haben die Produktivität und den Wohlstand gesteigert. Erstmals wird Transformation nun getrieben von der Legislative, nicht mehr von technischer Innovation", hielt er als Kernaussage fest. Nun bestimmen Gesetze die Zukunft und schränken sogar den Verbrauch bisher öffentlicher Ressourcen ein. Früher habe man Transformationen vorangetrieben, um reich zu werden – heute, um die Welt für seine Kinder zu bewahren, so Huber.


HITT 2023 speaker Florian Huber

Florian Huber erwartet einen Regulatorien-Tsunami.HI William Veder

HITT 2023 speaker Florian Huber

Florian Huber stellte u.a. die Anforderungen der EU an nachhaltige Unternehmen vor. Die EU wolle Unternehmen Transparenz ermöglichen und hoffe, dass diese dabei die richtigen Entscheidungen träfen, so Huber. Das Vertrauen in die Aktionäre sei gross. Man erwarte auch, dass Banken jenen Unternehmen bessere Finanzierungsmöglichkeiten böten, die sich verantwortungsbewusster als andere verhielten. In diesem Zusammenhang brachte Huber den European Green Deal und den Sustainable Finance Action Plan ins Spiel sowie die Themen Taxonomie, Green Bond Standards, Benchmarking und Reporting (die schon in früheren Think Tanks diskutiert wurden). "[Der Industrie-Gigant] Thyssen Krupp wird dieselben Zahlen wie Arabella Hospitality reporten müssen", nannte der Experte ein Beispiel. Huber erwartet einen Regulatorien-Tsunami.

Auf Double Materiality Assessment vorbereiten

Neue Wellen von Reporting-Anforderungen inkludieren dabei jeden einzelnen Player in der Wertschöpfungskette direkt oder indirekt. Was berichtet werden müsse, hinge von den individuellen Double Materiality Assessments ab. Diese basieren auf dem Gedanken, dass die Bilanzen eines Unternehmens nicht nur über den finanziellen Einfluss seiner Operation auf das Unternehmen, sondern auch über den Einfluss der Unternehmensaktivitäten auf die Gesellschaft und die Umwelt berichten.

Zum Wertschöpfungs-Netzwerk der Hotellerie zählen z.B. der Kunde/Gast, Projektentwickler, Eigentümer, Kapitalgeber, Pächter oder Manager, die Marke, die Mitarbeiter, Reservierungssysteme wie OTAs, Reiseveranstalter, Lieferanten, Tourismusorganisationen, Messe- und Kongressveranstalter. "Hier ist überall Disruption nötig", so Huber.

Fazit: Die Herausforderungen hören nicht auf

Fazit nach dieser kurzen Zusammenfassung zweier wichtiger Impulsvorträge muss sich die Branche im Klaren sein: Sie wird in den nächsten Jahren immer wieder mit vielen neuen Herausforderungen konfrontiert werden. Durch die Rolle des Tourismus und das immense wirtschaftliche und gesellschaftliche Netz(werk), in das jedes einzelne Hotel eingebettet ist, werden diese Herausforderungen komplex bleiben. Die Öffentlichkeit wird ganz sicher genauer hinschauen, welches Hotel/welche Hotelgruppe was wie umsetzt. "Extra-kreative" Hoteliers, die sich in ihrer Kommunikation wie auch in Finanzierung und Operation geschickt in einer Grauzone bewegen, sollten sich bewusst machen, dass vieles davon durch die neuen Transparenz-Regeln seitens der Legislative nicht mehr machbar ist. Die Bewertung einer Immobilie wie auch einer Marke hängt künftig von Transparenz und Glaubwürdigkeit ab.

Einzigartige Atmosphäre der Offenheit

Es waren erneut zwei spannende Tag an Bord des HITT, mit vielen Details und spannenden Aussagen der Experten, die jedes Mal zu einer äusserst lebhaften Diskussion führten. Wir werden darauf in den nächsten Wochen eingehen und einen Teil davon auch öffentlich publizieren.


Uns als Veranstalter freut es enorm, vor allem von Experten, die weltweit reisen und Vorträge in ganz anderen Branchen halten, mehrfach zu hören, dass sie noch nie eine derartige Atmosphäre der Offenheit erlebt haben, mit der Kollegen und Geschäftspartner sich untereinander austauschen.


Wir geben das Kompliment zurück an alle Impulsgeber, die Teilnehmer und auch an die Sponsoren, die beim HITT ja auch Content-Partner sind und mitdiskutieren! Die HITT Community wächst damit weiter, wird immer internationaler und mit jedem neuen Think Tank stärker als seriöse, inhaltsstarke Branchen-Plattform wahrgenommen. / Susanne Stauss, Maria Pütz-Willems



Eine Foto-Animation vom 6. HITT in Berlin finden Sie unter diesem Link:  
HospitalityInside Impressions HITT 2023

Autoren

Susanne Stauss

Susanne Stauss

ist als Diplom-Betriebswirtin und ausgebildete Hotelkauffrau die ideale Hotelfach-Journalistin, unterwegs mit einem Wissensschatz von über 30 Jahren über die deutsche Hotellerie. Für hospitalityInside.com schreibt sie seit dessen Gründung im März 2005, heute in der Rolle als Senior Writer. U.a. war sie Chefredakteurin der Fachzeitschrift First Class, von Restaurant International und des Newsletters Cost & Logis. Heute schreibt sie u.a. für die Fachzeitung Top hotel und textet für Mitarbeiter-Zeitungen und Kundenmagazine.

Maria Pütz-Willems

Maria Pütz-Willems

ist eine leidenschaftliche Schreiberin, die über 40 Länder bereiste und die Medienwelt aus vielen Perspektiven kennenlernte. Seit über 30 Jahren berichtet sie über die internationale Hotellerie, 2005 gründete sie hospitalityInside.com. Ihre Balance findet sie in frischer Luft, beim Sport, Kochen und mit geselligen Freunden.

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