Tourismusgipfel: Wenig Motivierendes

Tourismusgipfel: Wenig Motivierendes

Politik INSIDE Berlin: Kolumne von Frank Tetzel

Der Berliner Reichstag / c_Aron Marinelli, unsplash
Wenig Handfestes für die Branche gab es beim 25. Tourismusgipfel in Berlin. / © Aron Marinelli, unsplash

Der 25. Tourismusgipfel in Berlin plätscherte wieder vor sich hin. Die Verbänden haben's lieber weichgespült und reagieren deshalb seicht auf die versteckten Politiker-Ansagen, die der Branche nicht dienlich sind. Am Tag danach drohte der Kanzler mit 15 Euro Mindestlohn. 

Anwesend waren die wichtigen Stakeholder der Branche wie der Politik, die der Tourismusindustrie ihre Aufwartung machten. Man geht halt hin – auch wenn sich der Erkenntnisgewinn durch die Reden der Politik – wie immer – eher in Grenzen hält. Die Tourismuslobbyisten in der Berliner Blase senden ihre Argumente sowieso regelmässig und die Positionen sind damit hinlänglich bekannt.


Trotzdem oder genau deswegen möchte der Bundesverband der Tourismuswirtschaft (BTW) mit solch einem Gipfel noch einmal seine eigene Bedeutung unterstreichen. Der BTW will als Spitzenverband einen breiten Spagat hinlegen – schliesslich vertritt er die Interessen zahlreicher Unternehmen und Verbände aus vielfältigen Teilbereichen der Branche. Da sind Luft-, Strassen- und Schienenverkehr genauso vertreten wie die Hotellerie und Gastronomie, Reisebüros und -veranstalter bis hin zu Kongress-Zentren und zum Tourismusmarketing. Vom Forum Anders Reisen bis zur Lufthansa, vom Outgoing Tourismus bis hin zu den Landesverkehrsverbänden reicht das Spektrum der Mitglieder. 


Gross und doch soft

Die ihm angeschlossenen Verbände betreiben und bringen ihre berechtigten und unberechtigten Partikular-Interessen im politischen Berlin und in Brüssel voran – so bleibt dem Spitzenverband eben nur das grosse Ganze. Anders als etwa in der Energiewirtschaft oder Automobil-Industrie und sogar beim BDI fühlt sich alles irgendwie nach Kompromiss und weich gespült an. Ein Spitzenfunktionär, der das erste Mal dabei war, meinte dann auch "so richtig grün sind die sich hier alle nicht".


Genauso vielfältig und manchmal ein wenig unkonkret sind dann die Beiträge – und da ist man mit der "Politiksprech" dann doch ganz gut bedient. Zudem muss jeder Bereich des breit aufgestellten Verbandes im Programm berücksichtigt werden – was der Veranstaltung eher nicht förderlich ist. Vor diesem Dilemma stehen die Veranstalter schon seit Jahren und man versucht, ein möglichst ausgewogenes Dahinplätschern zu organisieren. Die Politik sucht den Schulterschluss mit der braven Tourismuswirtschaft, die immerhin fünf Prozent zum BIP beiträgt. Das ist übrigens mehr als doppelt so viel wie der Verteidigungshaushalt ausmacht. 


Kanzler verlangt jetzt 15 Euro Mindestlohn

Hätten die Teilnehmer schon am Montag gewusst, was dann am Abend über die Ticker kam, hätte es so manchen Teilnehmer die Zornesröte ins Gesicht getrieben.  Bundeskanzler Olaf Scholz trat kurz nach dem Gipfel für einen Mindestlohn von 15 Euro in Deutschland ein, was die Kosten in der Gastronomie und der Hotellerie noch einmal deutlich belasten würde.


Der Tourismuswirtschaft insgesamt geht es nicht allzu schlecht – obwohl nach wie vor 14 Prozent weniger Gäste aufgrund von Inflation und Reisepreissteigerungen gezählt wurden und im Vergleich zum Vor-Corona-Niveau stimmen die Umsätze in der Branche – aber nicht immer auch der Profit. Ihn machen genau diese steigenden Kosten kaputt. Dieser massiv erhöhte Mindestlohn wäre für sehr viele Unternehmen eine weitere heftige Bürde. 


Natürlich versucht die Politik im Ballsaal des Luxushotels Adlon den richtigen Ton zu treffen, doch Konkretes gibt es wenig. Das ist auch bei Robert Habeck so. Unter dem Titel der Veranstaltung "Reisen heute und morgen – Zukunft der deutschen Tourismuswirtschaft" betonte der Vizekanzler und Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz die zentrale Rolle des Tourismus für die deutsche Wirtschaft. So wie er das immer wieder pauschal macht. 


Dass er als Grüner die Notwendigkeit der Balance zwischen Klimaschutz und Wirtschaftswachstum unterstrich, kann als Binsenweisheit ausgelegt werden. Und dass er die Reisebranche als einen wesentlichen Pfeiler der deutschen Wirtschaft beschrieb, gehört eben zu den langweiligen Nettigkeiten an solchen Tagen.  


Optimistische Branche? Dann gibt's kein Geld 

Wenn jemand die Branche auffordert, ihre eigene Stärke zu erkennen und optimistischer in die Zukunft zu blicken, heisst das auf Deutsch: Leute, es gibt jetzt erst einmal kein Geld mehr. "Ein bisschen Lebensfreude kann das Land gut gebrauchen", fügte der Minister hinzu, bemüht um die fröhliche Seite des Business. Er äusserte sich optimistisch, dass das Jahr 2024 an die Erfolge vor der Corona-Pandemie anknüpfen könne und verwies auf die aktuellen "exorbitant guten" Zahlen im März. 


Und dies war dann auch so: Nicht nur Habeck, sondern auch Justizminister Marco Buschmann (FDP), sprachen der Branche beim Tourismusgipfel Mut zu, sahen allerdings aufgrund der bevorstehenden Haushaltsverhandlungen wenig Chancen für zusätzliche Förderungen. Wenig Hoffnung machten die Politiker auch auf eine Rücknahme zusätzlicher Belastungen wie der erhöhten Ticketsteuer oder auf eine Senkung des Budgets für die DZT um mehr als acht Millionen Euro. 


Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hatte zuvor erklärt, dass der "Konsolidierungsdruck" im Bundeshaushalt deutlich stärker geworden sei. Für 2025 müsse das Wirtschaftsministerium zehn Prozent einsparen, daher könne er "nicht versprechen, dass alles bleibt, wie es ist". Der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, Dieter Janecek, versicherte der DZT seine Unterstützung, blieb aber hinsichtlich der Erfolgschancen auch eher vage.


Jens Spahn, stellvertretender Vorsitzender der oppositionellen CDU/CSU-Bundestagsfraktion, widersprach und forderte eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, um die schwache Wirtschaftsentwicklung zu bekämpfen, die seiner Ansicht nach eine Folge der Ampel-Politik sei. Ein Hauch von Wahlkampf war da schon zu spüren.


Die Druckstellen bleiben 

Die rund 300 Teilnehmer nahmen das zur Kenntnis. Grosse Erwartungen an die Politik, so das Stimmungsbild, hat man ohnehin nicht. Die Tourismusbranche drückt dennoch der Schuh an etlichen Stellen: überbordende Bürokratie, höhere Steuern auf Flugtickets und Restaurant-Speisen, eine drohende Verschärfung der EU-Pauschalreiserichtlinie sowie ein möglicher Wegfall der Steuerbefreiung für Schicht- und Feiertagszuschläge und der Fachkräftemangel. All das belastet Hotellerie, Veranstalter und Airlines.


EU packt Pauschalreise wieder an 

Aufmerksam verfolgten insbesondere die Veranstalter die Kritik von Habeck und auch von Justizminister Buschmann an den Plänen der EU-Kommission zur Revision der Pauschalreiserichtlinie – vor allem die Regelung, dass aus gebuchten Einzelleistungen bei einem Anbieter innerhalb von drei Stunden automatisch Pauschalreisen werden sollen. Auch die geplante Erweiterung der Storno-Möglichkeiten bei aussergewöhnlichen Umständen im Ziel- und Abreiseort stiess auf Ablehnung. "Europa Bashing" kostet nichts und ist im Zeichen des Europawahlkampfes eh populär.


Norbert Fiebig, Vizepräsident des BTW und Präsident des Deutschen Reiseverbands (DRV), hob die starke Erholung des Tourismus nach der Corona-Pandemie hervor. Trotz eines Rückgangs der Gästezahlen um 14 Prozent im Vergleich zu 2019 stiegen die Umsätze um 16 Prozent. Urlaub müsse bezahlbar bleiben, betonte Fiebig und kritisierte die Anhebung der Luftverkehrssteuer sowie die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf Speisen in Restaurants. Er forderte zudem neue Regelungen, um Streiks, die die gesamte Branche lähmen, zu verhindern.


Der 40. Deutschen Tourismusanalyse der gemeinnützigen BAT-Stiftung für Zukunftsfragen zufolge hat sich der Tourismus stark erholt. Der Anteil der Deutschen, die 2023 eine Reise von mindestens fünf Tagen unternahmen, stieg auf das Vor-Pandemie-Niveau. Deutschland blieb mit einem Marktanteil von 37 Prozent ihr bevorzugtes Reiseziel, obwohl die inländischen Feriengebiete einen Rückgang verzeichneten. Spanien und Italien bauten ihre Spitzenpositionen bei den Auslandszielen aus, während Skandinavien erstmals den dritten Platz erreichte.


Die durchschnittliche Reisedauer verringerte sich im Vergleich zum Vorjahr, und die Ausgaben für den Urlaub erreichten ein Rekordniveau von durchschnittlich 1.538 Euro pro Person. Ein Urlaub im Inland war dabei rund 200 Euro günstiger als im europäischen Ausland, wobei die kürzere Reisedauer in Deutschland berücksichtigt werden muss. 

Autor

Frank Tetzel

Frank Tetzel

schreibt u.a. über Nachhaltigkeit, Internationale Politik, aber auch über die Entwicklung von Städten und das Thema Tourismus und Hotellerie. Zudem ist er bestens vernetzt im politischen Berlin.

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